Quintenzirkel verstehen: Vorzeichen, Paralleltonarten und Praxis
Der Quintenzirkel ist eine der wenigen Grafiken aus der Musiktheorie, die man tatsächlich im Proberaum benutzt. Er beantwortet in Sekunden Fragen wie: Wie viele Kreuze hat E-Dur? Welche Molltonart teilt sich ihre Töne mit F-Dur? Welche Akkorde passen sicher in einen Song in G? Wer ihn einmal verstanden hat, muss die Vorzeichen der Tonarten nicht mehr auswendig lernen, sondern kann sie herleiten.
Dieser Ratgeber erklärt, warum der Kreis so aufgebaut ist und was du im Alltag damit anfängst: beim Lesen von Noten, beim Transponieren, beim Modulieren und beim Schreiben eigener Akkordfolgen. Zum Mitklicken eignet sich der interaktive Quintenzirkel. Ein Klick auf ein Segment zeigt dort die Vorzeichen, die parallele Molltonart und die Töne beider Tonleitern.
Der Aufbau: zwölf Quintschritte bis zurück zum Start
Eine reine Quinte umfasst sieben Halbtöne, etwa von C nach G. Gehst du von G wieder eine Quinte aufwärts, landest du bei D, danach bei A, E, B und F#. Nach genau zwölf solchen Schritten bist du zurück bei C, nur sieben Oktaven höher, denn 12 × 7 = 84 Halbtöne sind genau 7 × 12. Unterwegs triffst du jeden der zwölf Töne genau einmal. Das klappt, weil 7 und 12 keinen gemeinsamen Teiler haben. Mit Schritten von vier Halbtönen wärst du dagegen schon nach drei Schritten wieder am Start, ohne die übrigen Töne berührt zu haben.
Im Zirkel steht C oben. Im Uhrzeigersinn folgen G, D, A, E, B und F#, gegen den Uhrzeigersinn F, Bb, Eb, Ab, Db und Gb. Ganz unten treffen sich beide Wege, denn F# und Gb sind auf dem Klavier dieselbe Taste und auf der Gitarre derselbe Bund. Gegen den Uhrzeigersinn gelesen ist jeder Schritt eine Quinte abwärts oder, was zum selben Ton führt, eine Quarte aufwärts. In dieser Richtung spricht man deshalb auch vom Quartenzirkel.
Zur Schreibweise: Die Tools auf musiker-tools.de verwenden internationale Notennamen, und dieser Artikel tut es auch. Das englische B ist das deutsche H, das englische Bb das deutsche B. F# steht für Fis, Eb für Es. So findest du jedes Beispiel unverändert im Tool wieder.
Warum jeder Schritt genau ein Vorzeichen bringt
Jede Dur-Tonleiter folgt demselben Bauplan: Ganzton, Ganzton, Halbton, Ganzton, Ganzton, Ganzton, Halbton. C-Dur erfüllt ihn ausschließlich mit weißen Tasten. Beginnst du das Muster auf G, passen die ersten sechs Töne G, A, B, C, D und E ohne Änderung. Erst der siebte Ton muss einen Halbton unter dem Grundton liegen, und das ist nicht F, sondern F#. Das neue Kreuz sitzt also auf der siebten Stufe, dem Leitton der neuen Tonart.
Dasselbe passiert bei jedem weiteren Schritt im Uhrzeigersinn: D-Dur übernimmt alle Töne von G-Dur und erhöht zusätzlich C zu C#, A-Dur erhöht danach G zu G#. Gegen den Uhrzeigersinn kehrt sich das Prinzip um. F-Dur übernimmt die Töne von C-Dur bis auf einen: Die vierte Stufe B muss zu Bb werden, damit zwischen dritter und vierter Stufe ein Halbton liegt. Jedes neue B-Vorzeichen landet deshalb auf der vierten Stufe der neuen Tonart.
Daraus folgt die Eigenschaft, die den Zirkel so nützlich macht: Zwei benachbarte Tonarten unterscheiden sich in genau einem Ton, die anderen sechs haben sie gemeinsam.
Die Vorzeichen aller Tonarten auf einen Blick
Die Vorzeichen kommen immer in derselben Reihenfolge hinzu. Bei den Kreuzen lautet sie F#, C#, G#, D#, A#, E#, B#, bei den Bs Bb, Eb, Ab, Db, Gb, Cb, Fb. Die B-Reihe ist die Kreuz-Reihe rückwärts gelesen, und beide sind selbst wieder Quintketten. Eine Tonart mit drei Kreuzen hat deshalb immer F#, C# und G#, niemals eine andere Kombination.
Theoretisch gibt es noch C#-Dur mit sieben Kreuzen und Cb-Dur mit sieben Bs. Sie klingen wie Db-Dur beziehungsweise B-Dur (deutsch H-Dur) und werden seltener notiert, weil die Alternativen mit fünf Vorzeichen auskommen. Der Zirkel im Tool zeigt die zwölf gebräuchlichen Tonarten, F# und Gb teilen sich dort ein Segment.
| Vorzeichen | Dur | Parallele Molltonart | Betroffene Töne |
|---|---|---|---|
| keine | C | Am | – |
| 1 Kreuz | G | Em | F# |
| 2 Kreuze | D | Bm | F#, C# |
| 3 Kreuze | A | F#m | F#, C#, G# |
| 4 Kreuze | E | C#m | F#, C#, G#, D# |
| 5 Kreuze | B (dt. H) | G#m | F#, C#, G#, D#, A# |
| 6 Kreuze | F# | D#m | F#, C#, G#, D#, A#, E# |
| 1 B | F | Dm | Bb |
| 2 Bs | Bb (dt. B) | Gm | Bb, Eb |
| 3 Bs | Eb | Cm | Bb, Eb, Ab |
| 4 Bs | Ab | Fm | Bb, Eb, Ab, Db |
| 5 Bs | Db | Bbm | Bb, Eb, Ab, Db, Gb |
| 6 Bs | Gb | Ebm | Bb, Eb, Ab, Db, Gb, Cb |
Die Tabelle musst du nicht pauken. Im Quintenzirkel zeigt ein Klick die Vorzeichen jeder Tonart. Die Reihenfolge der Kreuze und Bs lohnt sich dagegen zu merken, denn aus ihr lässt sich alles andere ableiten.
Merkhilfen statt Auswendiglernen
Mit vier Regeln findest du zu jeder Vorzeichnung die Tonart und umgekehrt:
- Bei Kreuzen: Der Dur-Grundton liegt einen Halbton über dem letzten Kreuz. Bei vier Kreuzen ist das letzte D#, die Tonart also E-Dur.
- Bei Bs: Das vorletzte B nennt den Grundton. Bei vier Bs (Bb, Eb, Ab, Db) ist das Ab, also Ab-Dur. Einzige Ausnahme ist F-Dur mit nur einem B, das merkst du dir einfach so.
- Parallele Molltonart: Sie beginnt drei Halbtöne unter dem Dur-Grundton, also auf der sechsten Stufe der Dur-Tonleiter. Von A drei Halbtöne abwärts kommst du zu F#, deshalb hat F#m dieselben drei Kreuze wie A-Dur.
- Gleichnamiges Moll: Eine Molltonart hat drei Bs mehr beziehungsweise drei Kreuze weniger als die Dur-Tonart auf demselben Grundton. Aus den zwei Kreuzen von D-Dur werden in d-Moll minus eins, also ein B.
Eine verbreitete Eselsbrücke für die Kreuz-Tonarten in deutscher Schreibweise lautet „Geh Du Alter Esel, Hole Fische“: G, D, A, E, H und Fis mit einem bis sechs Kreuzen. Für die B-Seite (F, B, Es, As, Des, Ges) baust du dir am besten einen eigenen Satz, den du nicht mehr vergisst.
Dur und Moll: der innere Ring
Im Tool steht unter jeder Dur-Tonart ihre parallele Molltonart, unter C das Am, unter G das Em, unter F das Dm. Parallel heißt: Beide Tonarten verwenden dieselben sieben Töne und haben deshalb dieselbe Vorzeichnung. Was sie unterscheidet, ist allein der Ton, auf dem die Musik zur Ruhe kommt. Weil die Halbtonschritte dann relativ zum Grundton an anderen Stellen liegen, klingt a-Moll trotz identischer Töne dunkler als C-Dur. Auch der innere Ring ist übrigens ein Quintenzirkel: Am, Em, Bm und F#m folgen im Abstand von je sieben Halbtönen aufeinander.
Leicht zu verwechseln ist die gleichnamige Molltonart, auch Variante genannt. c-Moll hat denselben Grundton wie C-Dur, aber drei Bs, und steht im Zirkel drei Schritte gegen den Uhrzeigersinn unter Eb-Dur. Der Wechsel von einer Dur-Tonart in ihre Variante ist deshalb ein deutlicher Farbwechsel, der Wechsel zur Parallele dagegen ein sanfter, weil kein einziger neuer Ton hinzukommt.
Nachbarn und Gegenüber: Wie verwandt sind zwei Tonarten?
Je weiter zwei Dur-Tonarten im Zirkel auseinanderliegen, desto weniger Töne haben sie gemeinsam. Die Tabelle unten zählt das für C-Dur nach. Daraus erklärt sich, warum ein Wechsel von C-Dur nach G-Dur kaum auffällt, während ein Sprung nach F#-Dur fremd klingt: Bei sechs Schritten Abstand bleiben nur zwei gemeinsame Töne übrig, B und F, wobei F in F#-Dur als E# notiert wird.
Als eng verwandt gelten zu einer Dur-Tonart ihre beiden direkten Nachbarn und die drei zugehörigen Molltonarten. Für C-Dur sind das G-Dur, F-Dur, a-Moll, e-Moll und d-Moll. Bemerkenswert daran: Genau das sind die Tonarten, deren Grundakkorde als Dur- oder Moll-Dreiklänge in C-Dur selbst vorkommen.
| Abstand im Zirkel | Beispiele ab C-Dur | Vorzeichen | Gemeinsame Töne mit C-Dur |
|---|---|---|---|
| 0 | C-Dur | keine | 7 |
| 1 Schritt | G-Dur / F-Dur | 1 | 6 |
| 2 Schritte | D-Dur / Bb-Dur | 2 | 5 |
| 3 Schritte | A-Dur / Eb-Dur | 3 | 4 |
| 4 Schritte | E-Dur / Ab-Dur | 4 | 3 |
| 5 Schritte | B-Dur (dt. H) / Db-Dur | 5 | 2 |
| 6 Schritte | F#-Dur / Gb-Dur | 6 | 2 (klingend) |
Der Zirkel als Akkord-Landkarte fürs Songwriting
Für Songwriter ist ein Ausschnitt aus drei benachbarten Segmenten das nützlichste Muster. Nimm die Tonart deines Songs, dazu ihren linken und rechten Nachbarn im äußeren Ring und die drei Molltonarten darunter. Diese sechs Akkorde sind die Dur- und Moll-Dreiklänge der Tonart. In G-Dur stehen außen C, G und D (IV, I und V), innen Am, Em und Bm (ii, vi und iii). Nur der verminderte Akkord auf der siebten Stufe, hier F#dim, fehlt in dieser Übersicht.
Auch Bewegungsrichtungen lassen sich ablesen. Akkordfolgen, die gegen den Uhrzeigersinn laufen, deren Grundtöne also jeweils eine Quinte fallen, klingen besonders zielstrebig. Em – Am – D – G ist so eine Kette, in G-Dur die Stufen vi – ii – V – I. Umgekehrt findest du zu jedem Akkord die Dominante, die zu ihm hinführt, einen Schritt im Uhrzeigersinn. Willst du in G-Dur das Am stärker ansteuern, setz davor ein E oder E7: Es bringt mit G# einen Leitton zum A mit.
Die konkreten Akkorde jeder Tonart samt Stufenbezeichnung zeigt dir der Harmonielehre-Generator. Wie du daraus Kadenzen und eigene Folgen baust, erklärt der Ratgeber Akkordfolgen und Kadenzen.
Modulieren und Transponieren mit Blick auf den Kreis
Beim Modulieren, also dem Wechsel der Tonart innerhalb eines Stücks, sind Nachbartonarten die bequemste Wahl, weil viele Akkorde in beiden vorkommen. Ein klassischer Weg von C-Dur nach G-Dur führt über einen gemeinsamen Akkord: Am ist in C-Dur die vi und in G-Dur die ii. Folgt darauf D7, ist das neue F# im Spiel, und das Ohr akzeptiert G als neues Zuhause. Weiter entfernte Ziele erreichen Popsongs gern per Rückung, einem Sprung ohne Vorbereitung, etwa wenn der letzte Refrain einen Halbton höher einsetzt.
Beim Transponieren zeigt dir der Zirkel, was dich in der Zieltonart erwartet. Ein Song in E-Dur hat vier Kreuze. Liegt er zu hoch und soll nach D-Dur, wandert er zwei Schritte gegen den Uhrzeigersinn und verliert zwei Kreuze. Jeder dieser Schritte ist eine Quinte abwärts, zusammen also 14 Halbtöne: eine Oktave plus ein Ganzton. Für die Akkorde heißt das schlicht, dass alles zwei Halbtöne tiefer liegt. Genau diese Verschiebung erledigt der Transponierer, wenn du −2 Halbtonschritte einstellst.
Enharmonische Verwechslung: F# oder Gb?
Unten im Kreis treffen sich Kreuz- und B-Seite. F#-Dur mit sechs Kreuzen (F#, C#, G#, D#, A#, E#) und Gb-Dur mit sechs Bs (Bb, Eb, Ab, Db, Gb, Cb) bestehen auf einem gleichstufig gestimmten Instrument aus denselben Tasten. Man nennt das enharmonische Verwechslung: gleicher Klang, andere Schreibweise. Welche Variante passt, hängt vom Zusammenhang ab. Kommt ein Stück von der Kreuz-Seite, etwa aus B-Dur (deutsch H-Dur), schreibt man eher F#-Dur, kommt es aus Db-Dur, eher Gb-Dur.
Bei den übrigen Tonarten ist die Wahl meist eindeutig, weil eine Schreibweise deutlich weniger Vorzeichen braucht, etwa Db-Dur mit fünf Bs statt C#-Dur mit sieben Kreuzen. Innerhalb einer Tonleiter gilt außerdem: Jeder Stammton von A bis G kommt genau einmal vor. Deshalb heißt die vierte Stufe von Gb-Dur Cb und nicht B. Das Quintenzirkel-Tool zeigt bei F#/Gb die Tonleiter in B-Schreibweise und schreibt diesen Ton vereinfacht als B, weil es nur die zwölf Tonnamen der Klaviatur verwendet. Beim Lesen und Schreiben von Noten solltest du ihn als Cb denken.
Häufige Fragen
Wie lese ich am Quintenzirkel ab, wie viele Vorzeichen eine Tonart hat?
Zähle die Schritte von C aus: Im Uhrzeigersinn bringt jeder Schritt ein Kreuz, gegen den Uhrzeigersinn ein B. A-Dur liegt drei Schritte rechts von C und hat drei Kreuze, Eb-Dur liegt drei Schritte links und hat drei Bs. Für Molltonarten liest du am inneren Ring, die Zahl ist dieselbe wie bei der Dur-Tonart im selben Segment.
Warum steht im Tool B statt H?
Die Werkzeuge verwenden die internationale Schreibweise, die auch in Akkordsymbolen und Musiksoftware verbreitet ist. Dort heißt das deutsche H einfach B, und das deutsche B wird als Bb geschrieben. Inhaltlich ändert sich nichts, nur die Namen.
Muss ich den Quintenzirkel auswendig können?
Nein, aber es lohnt sich. Wer die Reihenfolge F#, C#, G#, D#, A#, E# kennt und die Regeln für den Grundton beherrscht, löst jede Vorzeichnung in Sekunden auf. Anfangs reicht der Quintenzirkel im Browser, mit der Zeit bleibt das Bild von allein hängen.
Was bringt mir der Quintenzirkel als Gitarrist ohne Notenkenntnisse?
Er zeigt dir ohne eine einzige Note, welche sechs Akkorde in einer Tonart zusammenpassen: die Tonart selbst, ihre beiden Nachbarn und die drei Molltonarten darunter. Steht ein Song in einer griffschweren Tonart wie Eb-Dur, findest du mit dem Capo-Rechner die Kapo-Position, mit der du vertraute Griffe verwenden kannst.