Akkordfolgen und Kadenzen: Stufen, Funktionen und bewährte Progressionen
Die meisten Songs kommen mit vier bis sechs Akkorden aus, und erstaunlich viele teilen sich sogar dieselben. Das liegt nicht an Einfallslosigkeit, sondern daran, dass Akkorde innerhalb einer Tonart feste Rollen spielen: Einer ist das Zuhause, einer führt weg, einer baut Spannung auf. Wer diese Rollen kennt, lernt Songs schneller, hört Akkordwechsel kommen und kann in jeder Tonart begleiten, ohne jeden Griff einzeln nachzuschlagen.
Hier geht es um das Handwerk dahinter: Stufen und römische Ziffern, die sieben Akkorde einer Dur-Tonart, die drei Grundfunktionen, die wichtigsten Kadenzen und eine Reihe bewährter Progressionen bis zum 12-Takt-Blues. Zum Ausprobieren zeigt der Harmonielehre-Generator die Akkorde jeder Tonart mit ihrer Funktion, und im Tool Akkordprogressionen stehen neun bewährte Folgen bereit, die sich in jede der zwölf Tonarten setzen lassen.
Stufen statt Akkordnamen: die römischen Ziffern
Musiker beschreiben Akkordfolgen gern mit römischen Ziffern, weil diese unabhängig von der Tonart sind. Die Ziffer nennt die Stufe der Tonleiter, auf der ein Akkord steht: I ist der Akkord auf dem Grundton, V der auf der fünften Stufe. Großgeschriebene Ziffern stehen für Dur-Akkorde, kleine für Moll-Akkorde, ein hochgestellter Kreis wie in vii° für einen verminderten Akkord. Eine angehängte 7 kennzeichnet einen Septakkord.
Der Vorteil zeigt sich, sobald die Tonart wechselt. I – V – vi – IV ist in C-Dur C – G – Am – F, in E-Dur E – B – C#m – A. Wer in Stufen denkt, muss beim Transponieren nichts neu lernen, sondern setzt nur andere Namen ein. Das Nashville-Nummernsystem arbeitet nach demselben Prinzip, nur mit arabischen Ziffern.
Die sieben Akkorde einer Dur-Tonart
Baust du auf jedem Ton einer Dur-Tonleiter einen Dreiklang, indem du in der Leiter immer einen Ton überspringst, entstehen sieben Akkorde: auf C das C – E – G, auf D das D – F – A und so weiter. Weil die Halbtonschritte der Leiter an festen Stellen liegen, folgt die Qualität der Akkorde in jeder Dur-Tonart demselben Muster. In C-Dur sieht das so aus:
| Stufe | Akkord | Töne | Funktionsbereich |
|---|---|---|---|
| I | C | C – E – G | Tonika |
| ii | Dm | D – F – A | Subdominante (Parallele) |
| iii | Em | E – G – B | zwischen Tonika und Dominante |
| IV | F | F – A – C | Subdominante |
| V | G | G – B – D | Dominante |
| vi | Am | A – C – E | Tonika (Parallele) |
| vii° | Bdim | B – D – F | Dominante (Vertreter) |
Im Harmonielehre-Generator wählst du Tonart und Tongeschlecht und bekommst diese Übersicht für jede Tonart. Das Tool schreibt alle Akkorde mit Kreuzen, in F-Dur erscheint die IV deshalb als A# statt als Bb. Gemeint ist derselbe Akkord, in Noten und Leadsheets schreibst du ihn als Bb.
Tonika, Subdominante, Dominante
Die Funktionstheorie ordnet die Akkorde drei Rollen zu. Die Tonika (I) ist der Ruhepunkt. Die Subdominante (IV) entfernt sich von ihr, ohne schon nach Rückkehr zu drängen. Die Dominante (V) erzeugt die stärkste Spannung, und zwar gezielt in Richtung Tonika.
Woher diese Zugkraft kommt, lässt sich nachzählen. G-Dur, die Dominante von C, enthält das B, und B liegt nur einen Halbton unter C. Dieser Leitton will aufwärts. Nimmst du die Septime F dazu, wird aus G der G7-Akkord, und das F strebt einen Halbton abwärts zum E. B und F bilden einen Tritonus, der sich in C und E auflöst, also in Grundton und Terz der Tonika. Deshalb ist V7 – I der stärkste Schluss, den Dur zu bieten hat.
Die Moll-Akkorde der Tonart sind Stellvertreter, denn jeder teilt zwei Töne mit einem Hauptakkord. Am hat mit C die Töne C und E gemeinsam und kann die Tonika vertreten, Dm teilt F und A mit F und vertritt die Subdominante. Bdim enthält B, D und F, also drei der vier Töne von G7, und wirkt wie eine Dominante ohne Grundton. Em sitzt zwischen den Stühlen: E und G teilt er mit C, G und B mit G. Lehrbücher ordnen ihn mal der Tonika, mal der Dominante zu, der Generator führt ihn als Mediante bei der Tonika.
Kadenzen: vier Arten, eine Phrase zu beenden
Eine Kadenz ist eine Akkordfolge, die einen musikalischen Gedanken abschließt, ähnlich wie ein Satzzeichen. Im deutschen Musikunterricht heißt schon die Grundform I – IV – V – I so, in C-Dur also C – F – G – C. Sie führt einmal durch alle drei Funktionen und bestätigt die Tonart unmissverständlich. Statt der IV steht oft die ii, etwa C – Dm – G – C. Für die Wirkung am Phrasenende zählt vor allem der letzte Schritt:
| Schluss | Stufen | In C-Dur | Wirkung |
|---|---|---|---|
| Authentischer Ganzschluss | V – I oder V7 – I | G – C oder G7 – C | endgültig, wie ein Punkt |
| Plagalschluss | IV – I | F – C | weich und feierlich, bekannt als „Amen-Schluss“ |
| Halbschluss | endet auf V | Dm – G oder F – G | offen, wie ein Komma oder eine Frage |
| Trugschluss | V – vi | G – Am | überraschend, der Schluss wird hinausgezögert |
In Songs sitzt der Halbschluss gern am Ende der Strophe, damit es spürbar in den Refrain weitergeht. Der Trugschluss eignet sich, um einen Refrain zu verlängern: Statt auf C zu landen, gehst du nach Am, hängst die letzten Takte noch einmal an und schließt erst dann mit G – C.
Moll: Warum die Dominante meist ein Dur-Akkord ist
In natürlichem Moll ist die fünfte Stufe ein Moll-Akkord, in e-Moll also Bm. Ihm fehlt der Leitton, denn D liegt einen Ganzton unter E. Der Schritt Bm – Em klingt deshalb eher weich als zwingend. Die übliche Lösung stammt aus harmonisch Moll: Die siebte Stufe wird zu D# erhöht, aus Bm wird B oder B7, und die Zugkraft zur Tonika ist wieder da.
Der Harmonielehre-Generator zeigt im Tongeschlecht Moll bewusst die Akkorde aus natürlichem Moll, für e-Moll also Em – F#dim – G – Am – Bm – C – D. Die Dur-Dominante setzt du in der Praxis selbst ein. In der Andalusischen Kadenz aus der Progressionsliste ist das schon geschehen: i – VII – VI – V ergibt in e-Moll Em – D – C – B, eine absteigende Linie, die auf dem B-Dur-Akkord stehen bleibt und zurück nach Em drängt.
Bewährte Progressionen und was sie verbindet
Die neun Folgen im Tool Akkordprogressionen sind keine zufällige Sammlung, viele sind Umstellungen derselben Bausteine. Wer lieber nach Stimmung als nach Namen sucht, findet sie auch im Tool Akkord-Ideen, gefiltert nach Charakter wie „melancholisch, emotional“ oder „jazzig, smooth“.
- Pop-Progression, 50er-Jahre-Progression und Axis of Awesome verwenden dieselben vier Akkorde I, IV, V und vi, in C-Dur also C, F, G und Am. Die Reihenfolge macht den Charakter: I – vi – IV – V endet auf der Dominante und läuft im Kreis, vi – IV – I – V beginnt auf Moll und klingt ernster als I – V – vi – IV.
- Emotionales Moll i – VI – III – VII ergibt in a-Moll Am – F – C – G, also exakt die Axis-Folge in C-Dur. Ob du sie als Moll oder als Dur hörst, hängt nur davon ab, welcher Akkord sich wie das Zuhause anfühlt. Wie du das bestimmst, steht im Ratgeber Tonart erkennen.
- Jazz ii–V–I, in C-Dur Dm7 – G7 – Cmaj7, lässt die Grundtöne zweimal um eine Quinte fallen. Dazu kommt eine glatte Stimmführung: Die Septime jedes Akkords rutscht einen Halbton tiefer und wird zur Terz des nächsten, das C aus Dm7 zum B in G7, das F aus G7 zum E in Cmaj7.
- Pachelbels Kanon I – V – vi – iii – IV – I – IV – V lautet in D-Dur D – A – Bm – F#m – G – D – G – A. Im Bass wechseln sich zu Beginn Quartsprünge abwärts und Sekundschritte aufwärts ab, eine Kette, die in Popsongs immer wieder auftaucht.
- Moll-Blues i – iv – v liefert die Kernakkorde für Blues in Moll, in a-Moll Am – Dm – Em. In der Praxis wird die v dort häufig durch E7 ersetzt, aus demselben Grund wie in jeder Moll-Kadenz.
Das 12-Takt-Blues-Schema
Der Blues kommt in seiner Grundform mit drei Akkorden und einem festen Ablauf über zwölf Takte aus. Meist sind alle drei Dominantseptakkorde, was streng genommen nicht in die Dur-Tonart passt, denn A7 enthält G statt G#. Genau diese Reibung gehört zum Klang. Das Tool Akkordprogressionen nennt unter „12-Takt-Blues (Kernakkorde)“ nur die drei Akkorde I7 – IV7 – V7. Die Tabelle zeigt ihre Verteilung auf die Takte in der verbreitetsten Form, hier in A.
Zwei Abwandlungen sind ebenfalls üblich. Beim Quick Change wechselt schon Takt 2 zur IV7 und gleich wieder zurück. Der V7-Akkord in Takt 12, der Turnaround, führt in die nächste Runde, im allerletzten Durchgang endet der Blues stattdessen auf der I7.
| Takte | Stufen | In A |
|---|---|---|
| 1–4 | I7 | I7 | I7 | I7 | A7 | A7 | A7 | A7 |
| 5–8 | IV7 | IV7 | I7 | I7 | D7 | D7 | A7 | A7 |
| 9–12 | V7 | IV7 | I7 | V7 | E7 | D7 | A7 | E7 |
Eigene Akkordfolgen entwickeln
Mit Stufen und Funktionen im Kopf wird das Schreiben eigener Folgen zum Baukasten. Ein Ablauf, der sich bewährt hat:
- Tonart festlegen und im Harmonielehre-Generator die sieben Akkorde anzeigen lassen.
- Ein Gerüst aus Funktionen wählen, etwa Tonika – Subdominante – Dominante – Tonika, in G-Dur also G – C – D – G.
- Einzelne Akkorde durch Stellvertreter ersetzen. Aus I – IV – V – I wird zum Beispiel I – vi – ii – V, in G-Dur G – Em – Am – D.
- Den harmonischen Rhythmus festlegen: Ein Akkord pro Takt wirkt ruhig, zwei pro Takt treiben an.
- Abschnitte unterschiedlich enden lassen, die Strophe offen mit einem Halbschluss auf D, den Refrain geschlossen mit D – G.
- Für Farbe einen fremden Akkord einbauen, etwa die Moll-Subdominante Cm oder die Zwischendominante E7 vor Am.
- Die fertige Folge mit dem Transponierer in die Tonart bringen, die zur Stimme passt.
Ein Beispiel in G-Dur: Die Strophe läuft G – Em – C – D und endet offen. Der Refrain bringt C – D – Em – C und schließt mit C – D – G. Setzt du beim ersten Refraindurchgang Em statt des letzten G, entsteht ein Trugschluss, der nach einer Wiederholung verlangt.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Kadenz und Akkordfolge?
Akkordfolge ist der allgemeine Begriff für jede Reihe von Akkorden. Eine Kadenz ist eine Akkordfolge mit einer bestimmten Aufgabe: Sie schließt eine Phrase ab oder bestätigt die Tonart, typischerweise mit dem Schritt von der Dominante zur Tonika. Im deutschen Sprachgebrauch heißt außerdem die Grundfolge I – IV – V – I selbst Kadenz.
Darf ich Akkorde verwenden, die nicht zur Tonart gehören?
Ja, und sehr viele Songs tun das irgendwo. Häufig sind Zwischendominanten wie A7 vor Dm in C-Dur und Akkorde aus der gleichnamigen Molltonart wie Fm oder Bb. Entscheidend ist, dass der fremde Akkord ein Ziel hat oder bewusst färbt, dein Ohr ist dabei der beste Richter.
Was bedeutet der kleine Kreis bei vii°?
Er kennzeichnet einen verminderten Dreiklang aus zwei kleinen Terzen, in C-Dur B – D – F. Im Harmonielehre-Generator steht dafür die Endung dim, also Bdim. Mit zusätzlicher kleiner Septime wird daraus der halbverminderte Akkord Bm7b5, den der Jazz gern als ii in Moll einsetzt.
Muss eine Akkordfolge mit der Tonika anfangen?
Nein. Viele Songs beginnen auf der IV oder der vi, um offen einzusteigen, die Axis-Folge vi – IV – I – V startet sogar mit einem Moll-Akkord. Wichtig ist, dass die Tonika an den Schlüsselstellen ankommt, etwa am Ende des Refrains.