Delay- und Reverb-Zeiten berechnen: Effekte im Songtempo

Ein Delay, das neben dem Beat liegt, macht einen Mix unruhig, obwohl man den Grund nicht sofort hört. Liegen die Wiederholungen dagegen auf dem Raster des Songs, verschmelzen sie mit dem Groove und füllen Lücken, statt sie zu verstopfen. Ähnliches gilt für Hall: Eine Fahne, die bis in den nächsten Schlag hineinwabert, verwischt die Konturen, eine passend abgestimmte lässt den Raum atmen.

Dieser Ratgeber zeigt, wie du Delay- und Pre-Delay-Zeiten aus dem Tempo berechnest, was Feedback in Dezibel bedeutet, wann du bewusst vom Raster abweichst und was die Nachhallzeit RT60 über echte Räume aussagt. Die Formeln findest du im Delay-Rechner und im Reverb Time Calculator wieder.

Die Grundformel: 60.000 geteilt durch BPM

Ausgangspunkt jeder tempo-synchronen Effektzeit ist die Dauer einer Viertelnote in Millisekunden: 60.000 ÷ BPM. Daraus folgt der Rest. Eine Halbe dauert doppelt so lang, eine Achtel halb so lang, eine Sechzehntel ein Viertel davon. Ein Punkt verlängert um die Hälfte, der Faktor ist also 1,5. Eine triolische Note dauert zwei Drittel des normalen Werts, weil sich drei davon die Zeit von zweien teilen.

Der Delay-Rechner nimmt dir die Rechnerei ab. Du trägst das Tempo ins Feld Tempo (BPM) ein und bekommst eine Tabelle mit den Zeilen 1/1 bis 1/32 und den Spalten Normal, Punktiert und Triolisch. Für 128 BPM, ein typisches House-Tempo, sieht ein Ausschnitt so aus, hier auf zwei Nachkommastellen gerundet:

NotenwertNormalPunktiertTriolisch
1/2937,5 ms1.406,25 ms625 ms
1/4468,75 ms703,13 ms312,5 ms
1/8234,38 ms351,56 ms156,25 ms
1/16117,19 ms175,78 ms78,13 ms
1/3258,59 ms87,89 ms39,06 ms

Der Delay-Rechner zeigt eine Nachkommastelle, also zum Beispiel 351,6 statt 351,56 ms. Für jedes Effektgerät ist das genau genug, Abweichungen im Bereich von Hundertstel-Millisekunden hört niemand.

Punktierte Achtel und Triolen: warum sie so beliebt sind

Ein Delay auf Viertel oder Achtel wiederholt genau das, was ohnehin auf dem Raster liegt. Das verdichtet, bringt aber rhythmisch wenig Neues. Die punktierte Achtel setzt die Wiederholung dagegen drei Sechzehntel hinter das Original. Spielst du gerade Achtel, landen die Echos zwischen deinen Anschlägen, und aus einer schlichten Achtelfigur wird eine durchlaufende Sechzehntelbewegung. Viele Gitarristen nutzen das gezielt, um mit wenigen Tönen ein flirrendes Muster zu erzeugen.

Triolische Werte legen die Echos quer zum geraden Raster und erzeugen ein rollendes Gefühl, das gut zu Shuffle-Grooves passt. Ein Beispiel für eine Ballade mit 75 BPM: Die Viertel dauert 800 ms, die punktierte Achtel 600 ms, die Achteltriole 266,67 ms. Hängt dir das Echo bei langsamen Songs zu weit nach, geh einen Notenwert kürzer, statt die Zeit frei zu verkleinern, dann bleibt es im Raster. Für Quintolen und andere Unterteilungen, die der Delay-Rechner nicht abdeckt, liefert der Tuplet-Rechner die Zeit pro Note.

Feedback: wie viele Wiederholungen du hörst

Der Feedback-Regler bestimmt, welcher Anteil des Echos erneut in die Verzögerung geschickt wird. Wirkt er als einfacher Pegelfaktor, verliert jede Wiederholung gleich viel Lautstärke. Bei einem Faktor von 0,5 sind das 20 × log10(0,5) ≈ −6,02 dB pro Durchgang. Bis das Echo um 60 dB abgeklungen und praktisch verschwunden ist, vergehen knapp zehn Wiederholungen. Mit punktierten Achteln bei 128 BPM, also 351,56 ms Abstand, klingt das Delay damit rund 3,5 Sekunden nach. Bei einem Faktor von 0,25 verliert jede Wiederholung 12,04 dB, und schon nach fünf Durchgängen sind 60 dB erreicht.

Wie ein bestimmtes Plugin seinen Prozentwert in einen Faktor übersetzt, steht nicht immer im Handbuch, die Rechnung ist deshalb eine Orientierung. Zwischen Faktor und Dezibel rechnet der dB-Rechner mit der Bezugsgröße Spannung / Amplitude um; die Hintergründe erklärt der Ratgeber Dezibel und Pegel.

Viele Delays bieten Filter im Feedback-Weg. Ein Hochpass und ein Tiefpass dort machen jede Wiederholung etwas dünner und dumpfer. Die Echos treten dadurch hinter das Original zurück, und selbst ein langes Delay matscht im Mix weniger.

Tempo-synchron oder frei eingestellt?

Die meisten Delay-Plugins übernehmen per Sync-Funktion das Projekttempo und folgen auch Tempowechseln in der DAW. Feste Millisekunden brauchst du an Geräten ohne Sync, an manchen Bodeneffekten oder wenn ein Plugin nur Zeitangaben kennt. Dann musst du den Wert bei jedem Tempowechsel von Hand anpassen. Achte dabei auf den Bezug: Der Delay-Rechner geht davon aus, dass die BPM-Zahl für Viertel gilt. Hast du ein Tempo im halben Feel getippt, liegen alle Werte um den Faktor 2 daneben.

Nicht jeder Effekt profitiert vom Raster:

  • Slapback: eine einzelne, kurze Wiederholung ohne Feedback, bekannt von Rockabilly-Gesang und -Gitarre. Die Zeit stellst du nach Gehör ein, meist deutlich unter 200 ms.
  • Verdopplung und Verbreiterung: Verzögerungen von wenigen bis etwa 30 ms nimmt das Gehör nicht als Echo wahr, sondern als Klangfärbung oder Verbreiterung des Originals. Einseitig im Stereobild eingesetzt, wirkt ein Signal breiter, kann in Mono aber durch Kammfiltereffekte hohl klingen.
  • Bewusst schwebende Echos: Eine Zeit leicht neben dem Raster kann ein Ambient-Pad lebendiger machen, weil sich die Wiederholungen nicht mit dem Rhythmus decken. Das ist Geschmackssache, kein Fehler.

Pre-Delay: Abstand zwischen Quelle und Hall

In einem echten Raum trifft der Direktschall zuerst beim Ohr ein, Reflexionen und Nachhall folgen etwas später. Das Pre-Delay eines Hall-Plugins bildet diese Lücke nach. Ein kurzes Pre-Delay rückt die Quelle in den Raum hinein, ein längeres lässt sie vorne stehen, während der Hall dahinter einsetzt. Bei Gesang bleiben dadurch die Konsonanten verständlich, auch wenn viel Hall im Spiel ist.

Einen Normwert gibt es nicht. Wer das Pre-Delay ans Tempo koppeln will, nimmt kurze Notenwerte: Bei 128 BPM dauert eine 1/32 58,59 ms, eine 1/64 die Hälfte davon, 29,30 ms. Die 1/64 führt der Delay-Rechner nicht auf, du halbierst einfach die Zeile 1/32. Ob ein tempo-synchrones Pre-Delay hörbar besser klingt, entscheidet dein Ohr; die Rechnung liefert einen sinnvollen Startwert.

Die Hallfahne ans Tempo anpassen

Bei Hall-Plugins regelt meist ein Parameter namens Decay, Time oder Size, wie lange die Fahne nachklingt. Eine verbreitete Faustregel: Der Hall soll weitgehend abgeklungen sein, bevor das nächste wichtige Ereignis kommt, etwa der nächste Snare-Schlag oder die nächste Gesangszeile. Manche ziehen dafür vom gewünschten Notenwert das Pre-Delay ab. Für eine Fahne über einen ganzen Takt bei 128 BPM ergibt das 1.875 ms − 58,59 ms ≈ 1,82 Sekunden, für eine Halbe 937,5 ms − 29,30 ms ≈ 0,91 Sekunden.

Was ein Plugin unter seiner Zeitangabe versteht, ist nicht einheitlich geregelt. Oft ist es eine Abklingzeit nach dem Vorbild von RT60, manchmal ein interner Größenparameter. Behandle errechnete Werte deshalb als Ausgangspunkt und prüfe im Arrangement, ob die Fahne Platz findet, besonders in dichten Refrains.

Leg Hall und Delay auf einen Effektkanal, statt sie direkt in die Spur zu laden. Dann teilen sich mehrere Spuren denselben Raum, und du kannst den Effekt getrennt bearbeiten. Ein Low-Cut im Hallkanal entfernt tiefe Anteile, die sonst den Bassbereich vernebeln.

RT60: die Nachhallzeit echter Räume

Für echte Räume gibt es eine messbare Kenngröße: RT60 ist die Zeit, in der der Schalldruckpegel nach dem Abschalten einer Quelle um 60 dB fällt. Abschätzen lässt sie sich mit der Formel von Sabine: RT60 = 0,161 × V ÷ (α × S). V ist das Raumvolumen in Kubikmetern, S die gesamte Fläche von Wänden, Boden und Decke in Quadratmetern, α der mittlere Absorptionsgrad zwischen 0 und 1.

Im Reverb Time Calculator gibst du Länge, Breite und Höhe ein und wählst unter Raumbedämpfung eine von sieben Stufen, vom leeren Raum mit harten Flächen (α ≈ 0,03) bis zum schalltoten Raum (α ≈ 0,9). Ein Proberaum von 7 × 5 × 3 Metern hat 105 m³ Volumen und 142 m² Oberfläche. Mit der Stufe Wohnraum, wenig Möbel (α ≈ 0,08) ergibt sich 0,161 × 105 ÷ (0,08 × 142) ≈ 1,49 Sekunden, für eine laute Band viel zu hallig. Mit Vorhängen, Polstermöbeln und Teppichboden (α ≈ 0,3) sinkt der Wert auf etwa 0,40 Sekunden, teilbehandelt mit Akustikpanels (α ≈ 0,5) auf etwa 0,24 Sekunden.

Raumgröße, Wirkung und die Grenzen der Formel

Die Formel zeigt einen Zusammenhang, der auch beim Einstellen von Hall-Plugins hilft: Große Räume klingen länger nach. Verdoppelst du alle Maße eines Raums, wächst das Volumen auf das Achtfache, die Oberfläche nur auf das Vierfache. Bei gleichem Material verdoppelt sich damit die Nachhallzeit. Darum hallt eine große Halle mit harten Wänden viel länger als ein gefliestes Bad, obwohl beide aus ähnlich harten Flächen bestehen. Kurze, kleine Räume machen Schlagzeug und Gitarren im Mix dichter, ohne sie nach hinten zu schieben; lange Fahnen schaffen Tiefe, kosten aber Präsenz.

Sabine ist ein vereinfachtes Modell. Der Rechner setzt einen einzigen mittleren Absorptionsgrad für alle Flächen und Frequenzen an und zählt nur die sechs Raumflächen, keine Möbel oder Personen. In der Realität hallen tiefe Frequenzen in kleinen Räumen oft deutlich länger als hohe. Bei hoher Absorption überschätzt die Formel die Nachhallzeit außerdem: Selbst bei α = 1, also vollständiger Absorption, kämen für den Beispielraum noch 0,161 × 105 ÷ 142 ≈ 0,12 Sekunden heraus. Genauere Modelle wie die Formel nach Eyring oder eine Messung vor Ort schaffen dann Klarheit.

Häufige Fragen

Mein Effekt will eine Frequenz in Hertz statt einer Zeit. Wie rechne ich um?

Teile 1.000 durch die Zeit in Millisekunden. Eine Viertel bei 120 BPM dauert 500 ms, das entspricht 2 Hz; eine Achtel bei 128 BPM mit 234,38 ms entspricht rund 4,27 Hz. Für Viertelnoten geht es noch schneller: BPM ÷ 60 ergibt direkt die Frequenz in Hertz.

Muss jedes Delay exakt im Songtempo liegen?

Nein. Für deutlich hörbare, rhythmische Echos ist das Raster meist die beste Wahl. Kurze Slapback- und Verdopplungseffekte stellst du dagegen nach Gehör ein, und bei Flächenklängen kann eine bewusst freie Zeit lebendiger wirken.

Ist die RT60 aus dem Rechner dasselbe wie die Zeit an meinem Hall-Plugin?

Nicht automatisch. RT60 ist eine genormte Kenngröße für echte Räume, die Zeitangabe eines Plugins definiert jeder Hersteller selbst. Als grobe Orientierung taugt der Vergleich trotzdem: Ein Plugin-Hall von 0,3 Sekunden wirkt eher wie ein kleiner, bedämpfter Raum, einer von 2 Sekunden wie eine große Halle.

Warum klingt mein Delay trotz richtiger Zeit unsauber?

Häufige Ursachen sind zu viel Feedback, zu viele Höhen oder Bässe in den Wiederholungen oder Echos, die mit einer anderen rhythmischen Figur kollidieren. Prüfe außerdem, ob das Projekttempo wirklich stimmt, denn ein falsches Tempo verschiebt jede Wiederholung. Mit dem BPM-Tapper kannst du es schnell gegenprüfen.